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Genürsel 2014 - 32/52 - Waffe
Genürsel 2014 - 32/52 - Waffe

Es war einmal ein wundervoller Morgen. An diesem wundervollen Morgen ging ein wundervoller Mensch vor die Tür seines wundervollen Hauses und genoss die auf ihn einstrahlenden Strahlen der Sonnenstrahlen. Die strahlenden Strahlen fühlten sich so gut auf seiner Haut an, dass der Mensch vollkommen den Jemand vergaß, der gerade hinter ihm stand und eine Waffe auf ihn richtete.

Dieser Jemand war im Vergleich zum zuvor beschriebenen Menschen nicht ganz so wundervoll, was vor allem daran lag, dass er stets zur Waffe griff, wenn ihm etwas nicht passte. Eine solche Tat hat nun wirklich nichts Wundervolles an sich und da ein Mensch bekanntlich über seine Taten charakterisiert wird, war der Jemand eben kein wundervoller Mensch.

Das wusste der Jemand, schließlich hatte er nachts um halb drei in einer Zeitung vom Vortag geblättert und war dort auf der Unterhaltungsseite auf den Spruch beziehungsweise die sogenannte Lebensweisheit gestoßen, dass der Charakter eines Menschen aus seinen Taten abgeleitet wird. Der Jemand hatte umgehend einen Blick zurück geworfen und sich an die vielen Male erinnert, in denen er zur Waffe gegriffen hatte, weil ihm etwas nicht passte. Das Resultat war eindeutig: Er war kein wundervoller Mensch. Wundervolle Menschen griffen nicht zur Waffe. Er konnte einfach kein wundervoller Mensch sein. Diese Erkenntnis passte ihm nicht. Also griff er zur Waffe.

Mit der Waffe in der Hand war er daraufhin durch die Straßen Bad Vilbels gelaufen, hatte Hand und Waffe jedoch, um keine allzu große Aufmerksamkeit zu erregen, in seinem Mund versteckt. Vermutlich würde man ihn für einen Jemand halten, der gerade auf dem Weg zum Zahnarzt war und so starke Zahnschmerzen hatte, dass er seine ganze Hand in den Mund nehmen musste, um sie aushalten zu können. So wie andere Menschen ihre Hand auf eine Wunde halten, um die Blutung zu stoppen, hatte er herausgefunden, dass Zahnschmerzen erträglicher wurden, wenn man sich auf die Backe drückte. Oder das Zahnfleisch. Einfach die ganze Hand in den Mund zu nehmen, war somit eine naheliegende Aktion, die in der Öffentlichkeit keinerlei Aufmerksamkeit erregen sollte. Dass gerade drei Uhr morgens war und für gewöhnlich um diese Zeit keine Menschen mit Zahnschmerzen und der Hand im Mund unterwegs zum Zahnarzt waren, ignorierte der Jemand einfach, um sich besser zu fühlen.

Immer noch frustriert wegen der durch die Zeitung erfahrenen negativen Charakterisierung, fiel dem Jemand in der Ferne ein Mensch auf, der direkt auf ihn zugelaufen kam. Wegen der Dunkelheit konnte er zunächst nur eine grobe Silhouette erkennen, doch nach und nach kamen immer mehr Details zum Vorschein. Eines davon beunruhigte den Jemand ganz besonders. Als die beiden nur noch wenige Meter voneinander trennten, blieb der Jemand abrupt stehen. Der Mensch vor ihm hatte sich seine Hand vollständig in den Mund gesteckt. Wie er selbst. Der Jemand wusste sofort, was los war. Er steckte in Lebensgefahr. Er musste umgehend handeln.

Mit einem Ruck zog er sich Hand und Waffe aus dem Mund und richtete beide auf sein Gegenüber. Dieses wusste nicht, wie es reagieren sollte, doch wollte der Jemand dem Menschen auch gar nicht erst die Möglichkeit geben, lange über eine Reaktion nachzudenken.

"Keine Bewegung!", schrie er. "Und lass die Hand im Mund!" Der Mensch tat, was der Jemand von ihm verlangte, blieb stehen und rührte sich nicht von der Stelle. Stattdessen starrte er den Jemand an. Er wartete offensichtlich auf neue Anweisungen.

Leider wusste der Jemand gar nicht, was er nun tun sollte. Das alles hatte sich viel zu plötzlich ereignet. Hatte er sich vor wenigen Augenblicken noch selbst das Leben gerettet, hatte er nun keine Idee, wie weiter vorzugehen war. Er war lediglich froh darüber, die Gefahrensituation überlebt zu haben und seinem Angreifer zuvorgekommen zu sein. Der Mensch vor ihm musste sich gerade tierisch darüber ärgern, zu spät reagiert zu haben.

"Was willst du von mir? Warum wolltest du mich angreifen?" Der Mensch antwortete nicht. Beziehungsweise versuchte, zu antworten, konnte aber nicht. Er hatte schließlich gerade eine Hand und eine Waffe im Mund. Mit einem so vollen Mundwerk ließ sich nur schwer sprechen. Der Gute hatte sich offensichtlich den Mund zu voll genommen. Er bekam nur ein paar unverständliche Laute hervor. Gleichzeitig änderte sich sein Gesichtsausdruck von schockiert in verständnislos. Er machte Anstalten, sich die Hand aus dem Mund zu ziehen, doch machte ihm der Jemand schnell klar, was er davon hielt. "Nimm die Hand aus dem Mund und ich erschieße dich." Der Mensch verstand, rührte sich nicht mehr und wartete ab.

Mittlerweile wusste der Jemand endlich, was zu tun war. Er musste runter vom Gehweg. Er stand hier mit seinem Angreifer zusammen auf offener Straße herum. Wer weiß, was passieren würde, wenn man sie so zusammen sähe? Auf eine Begegnung mit der Polizei hatte er definitiv keine Lust. Doch wohin sollte er mit dem Menschen gehen? Nach Hause? Nein. Er wollte nicht, dass der andere erfuhr, wo er wohnte. Dann fiel ihm etwas Besseres ein.

"Wohnst du hier in der Nähe?", fragte der Jemand den Menschen. Dieser nickte. "Weit von hier?" Der Mensch schüttelte den Kopf. "Gut. Dann los. Bring mich zu dir nach Hause." Der Mensch zögerte für einen Moment, zuckte dann jedoch mit den Schultern, verdrehte genervt die Augen und ging los. Der Jemand folgte ihm.

Keine zwei Minuten später standen die beiden vor einem großen Haus. Der Mensch kramte mit der linken Hand in seiner rechten Hosentasche und hinterließ dabei keinen besonders geschickten Eindruck. Nach einer gefühlten Ewigkeit zog er endlich den Haustürschlüssel hervor, schloss die Tür auf und betrat zusammen mit dem Jemand das Haus.

Das Haus war wundervoll und der Wundervollheit des hier andauernd als wundervoll bezeichneten Menschen mehr als würdig. Der nicht ganz so wundervolle Jemand kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Er fand nicht die richtigen Worte, um das zu beschreiben, was sich da um ihn herum befand, was, da diese Geschichte eher aus seiner Sicht erzählt wird, für die Leserinnen und Leser äußerst schade ist.

Das Staunen des Jemands dauerte genauso lang, wie die vorangegangene Suche des Menschen nach dem Schlüssel: Eine gefühlte Ewigkeit. Dennoch sollte erwähnt werden, dass die in Wirklichkeit vergangene Zeit, wenn man auf eine Uhr geschaut hätte, alles andere als identisch war. Die Suche hatte zwei Minuten, das Staunen dagegen ganze vier Stunden gedauert. Ein weiteres Beispiel dafür, warum man bei Zeitangaben Wert auf Genauigkeit legen und die Formulierung "eine gefühlte Ewigkeit" am besten aus dem eigenen Wortschatz streichen sollte.

Als der Jemand sein Staunen beendet hatte, beschloss er, das Haus zu behalten. "Dies ist von nun an mein Haus. Du musst dir leider ein neues suchen.", sagte er zum Menschen. Dieser zuckte erneut mit den Schultern. Ihm war nach der vierstündigen und überaus langweiligen Warterei mittlerweile alles egal geworden. Er wandte sich in Richtung Tür, ging auf sie zu, öffnete sie und verließ das Haus.

Der wundervolle Mensch ging vor die Tür seines wundervollen Hauses und genoss die auf ihn einstrahlenden Strahlen der Sonnenstrahlen. Die strahlenden Strahlen fühlten sich so gut auf seiner Haut an, dass der Mensch vollkommen den Jemand vergaß, der gerade hinter ihm stand und eine Waffe auf ihn richtete. Es war ihm egal. Genauso wie die Tatsache, dass er kein Haus mehr besaß. Oder die Konsistenz seiner Hand, die nach all den Sunden in seinem Mund der eines Waschlappens glich. All das war ihm egal. Er rannte los. Zum Zahnarzt. Um diesem das Portemonnaie wiederzubringen, das er während der gestrigen Wurzelbehandlung im Mund des wundervollen Menschen vergessen hatte und das der Mensch die ganze Zeit über in seinem Mund mit der Hand fest umklammert hatte, um es bloß nicht zu verlieren.

Hoffentlich war der Zahnarzt um diese Uhrzeit in seiner über der Praxis gelegenen Wohnung anzutreffen. Dem wundervollen Menschen war die ganze Geschichte furchtbar unangenehm. Er hatte das Missgeschick des Arztes erst mehrere Stunden nach der Behandlung bemerkt und wollte den armen Mann nicht länger ohne Geldbörse durchs Leben rennen lassen. Ach, hätte er es doch nur früher bemerkt.

Dass dem Menschen der Fehler eines anderen unangenehm war, soll nur noch einmal verdeutlichen, wie wundervoll er war.

Genürsel 2014 - 32/52 - Waffe
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Sven Himmen