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Dienstag, 24. August 2010
Stiftnürsel: Sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir eine Ehre, zwei der großen Helden des PC-Spiels „Dragon Age: Origins“ zu begrüßen. Sie blicken auf einen beeindruckenden Berufsweg zurück, der sich oberflächlich betrachtet gleicht, im Detail dann aber doch starke Abweichungen vorweist. Ich begrüße: Gut und Böse.
Gut: Hallo! Schön hier sein zu dürfen.
Stiftnürsel: Die Freude ist ganz meinerseits.
Böse: Könnt ihr bitte damit aufhören? Euer Gerede hängt mir jetzt schon zum Hals heraus.
Stiftnürsel: Aber, aber. Wer wird denn gleich so negative Stimmung verbreiten?
Böse: Ich.
Stiftnürsel: Vielleicht sollten sich unsere Gäste erst einmal vorstellen. Gut, fangen sie doch bitte an.
Gut: Sehr gerne. Ich bin Gut. Ein menschlicher Krieger und neuerdings „Grauer Wächter“.
Stiftnürsel: „Grauer Wächter? Das klingt ja interessant. Könnten sie kurz erklären, was genau unter einem „Grauen Wächter“ zu verstehen ist und wie sie dazu kamen, Mitglied dieser Organisation zu werden?
Gut: Oh, das ist gar nicht so einfach. Alles fing damit an, dass meine Heimat angegriffen und dabei fast meine gesamte Familie ermordet wurde. Ich war der einzige, der sich retten konnte. Bei meiner Flucht half mir ein „Grauer Wächter“, Duncan hieß er. Er hat mich begleitet und mir versprochen, mich in die Gruppe der Wächter aufzunehmen. Es war mir eine Ehre ihm zu folgen.
Böse: Duncan? Ha. Dieser verweichlichte, gutgläubige Labersack? Ehre? Dass ich nicht lache.
Gut: Was fällt dir ein, so über Duncan zu reden? Er war der einzige, der die Gefahr der „Dunklen Brut“ ernstgenommen hat!
Stiftnürsel: „Dunkle Brut“? Können sie auch das kurz erklären?
Böse: Ach bitte. Keine Zeit für Erklärungen.
Stiftnürsel: Vielleicht sollten sie weniger reinreden und sich stattdessen lieber selbst vorstellen, lieber Böse.
Böse: Nein.
Stiftnürsel: Wie bitte?
Böse: Ich habe keine Lust mich vorzustellen.
Stiftnürsel: Aber unsere Leser müssen doch wissen, mit wem sie es zu tun haben!
Böse: Das werden sie schon noch. Spätestens wenn ich hinter ihnen stehe und ihnen die Lebenskraft aus dem Körper ziehe.
Stiftnürsel: Sie sind aber böse.
Böse: Dafür stehe ich mit meinem Namen.
Stiftnürsel: Dann werde ich sie einfach vorstellen.
Böse: Wenn es ihnen Freude bereitet.
Stiftnürsel: Wie man sieht sind sie ebenfalls ein Mensch.
Böse: Tolle Erkenntnis. Idiot.
Stiftnürsel: Und sie sind Magier?
Böse: Ja.
Stiftnürsel: Sie stammen also aus dem großen Turm in der Mitte Fereldens? Sie sind ein Zirkelmagier?
Böse: Leider ja.
Stiftnürsel: Wieso leider? Ist es nicht eine große Ehre und Leistung, zu den Magiern zu gehören?
Böse: Ehre? Warum verwendet hier eigentlich jeder das Wort Ehre? Ich interessiere mich nicht für Ehre. Ich will Macht. Ich will der stärkste Magier aller Zeiten werden. Das habe ich meinen Vorgesetzten auch immer wieder gesagt. Jedes Mal, wenn sie mit ihrem Gerede angefangen haben, habe ich sie unterbrochen und wissen lassen, dass mich das alles nicht interessiert.
Stiftnürsel: Im Unterbrechen sind sie wirklich gut.
Böse: Halt den Mund oder ich schneide dir die Zunge aus dem Mund.
Gut: Nur über meine Leiche.
Böse: Lässt sich einrichten.
Stiftnürsel: Bitte, meine Herren. Böse, um noch einmal auf sie zurückzukommen: Wie war das so im Turm der Magier?
Böse: Langweilig. Ich war umgeben von Idioten. Ständig wurde man von Templern beobachtet, ob man sich nicht der verbotenen Blutsmagie zuwandte. Am liebsten habe ich die Templer ja beleidigt. Und irgendwann habe ich mich sogar mit einem Blutsmagier verbündet, um aus dem Turm auszubrechen.
Stiftnürsel: Wahnsinn. Wie ging die Geschichte aus?
Böse: Es hat nicht so funktioniert wie wir es geplant hatten. Mein Begleiter und seine Freundin waren Idioten. Die Frau war streng gläubig und zudem eine fette Kuh. Das konnte ja nichts werden. Aber ich habe den Spaß mitgemacht. Ich hatte ja nichts zu verlieren.
Stiftnürsel: Sie sind sehr überzeugt von sich selbst, kann das sein?
Böse: Warum auch nicht. Am Ende wollte sich gerade einer der Templer um mich kümmern, da mischte sich dieser Duncan ein. Er zwang mich dazu, sich ihm anzuschließen. Diese Wächter haben ja diese Sonderstellung, dass sie jeden bei sich eingliedern können, den sie wollen. Ich bin dann mitgegangen. Alles ist besser, als in einem Turm zu hocken und sich zu langweilen.
Gut: Als hättest du eine Wahl gehabt.
Böse: Wenn du nicht gleich still bist, nehme ich deinen Schild und schiebe ihn dir quer in den…
Stiftnürsel: Was ist das für ein Geräusch?
Gut: Oh, Entschuldigung. Das hatte ich vergessen: Draußen sitzt mein Hund. Wäre es wohl möglich, ihm ein wenig Wasser zu geben? Er ist ungemein durstig.
Stiftnürsel: Aber selbstverständlich, ein Mitarbeiter wird sich um ihn kümmern. Wie heißt denn der große?
Gut: Bello.
Böse: Bello? Ist nicht dein Ernst.
Gut: Hast du ein Problem damit?
Böse: Allerdings.
Gut: Du bist doch nur neidisch, weil du keinen so treuen Begleiter hast wie ich.
Böse: Neidisch? Das ist lächerlich! Ich hatte selbst einmal die Gelegenheit, einen solchen Hund als Begleiter zu gewinnen. Irgend so ein Köter lag verletzt in seinem Gehege und ich sollte zu ihm und ihn beruhigen.
Stiftnürsel: Und was haben sie getan?
Böse: Ich habe ihm die Kehle aufgeschlitzt.
Stiftnürsel: Wie bitte?
Gut: Grauenhaft!
Böse: Ich hasse Hunde.
Gut: Aber du hast einen treuen Begleiter getötet. So wirst du wohl für immer alleine bleiben.
Böse: Ich werde schon meine Begleiter finden. Diese Hexe, die ich vor einiger Zeit in einem Wald getroffen habe, finde ich zum Beispiel ungemein scharf.
Gut: Morrigan?
Böse: Kann sein. Ich kann mir keine Namen merken.
Gut: Pass bloß auf! Die ist alles andere als eine freundliche Gehilfin!
Böse: Umso besser. Dann regt sie sich wenigstens nicht so über meine Taten auf wie dieser verweichlichte Alistair.
Gut: Also an Alistair lasse ich nichts kommen. Er mag ein Kindskopf sein, dafür hält er immer zu einem.
Böse: Ach ja? Einmal habe ich auf meinem Weg einen Verwundeten getroffen. Kroch in seinem eigenen Blut liegend auf dem Boden herum und rief nach Hilfe.
Gut: Ach ja, an den kann ich mich auch noch erinnern.
Böse: Und was wollte der treue Alistair? Dass ich ihm helfe!
Gut: Aber das ist doch wohl selbstverständlich.
Böse: Nein. Ich hatte da gerade einfach keine Zeit für.
Gut: Keine Zeit? Wie kann man dafür keine Zeit haben?
Böse: Das hat mich Alistair auch gefragt.
Gut: Und was hast du getan?
Böse: Ich habe mich zu dem Verwundeten gekniet und ihm die Kehle aufgeschlitzt.
Gut: Was? Aber…
Böse: Alistair hat sich zunächst aufgeregt. Er schien sich kurz gegen mich stellen zu wollen. Da habe ich ihm aber einfach freundlich mitgeteilt, dass es jedem so ergehen wird, der nicht tut was ich sage. Das hat geholfen. Er folgt mir. Leise.
Gut: Grausam.
Böse: Effektiv. Die Gruppe muss zusammenhalten.
Gut: So kann man das jetzt aber nicht nennen.
Böse: Ich schon.
Gut: Ich würde…
Böse: Du würdest was? Pass auf, dass ich dir nicht einen Fluch durch deine Visage prügel.
Gut: Mir reicht es langsam!
Böse: Erst langsam? Ich wollte nie hier sein.
Stiftnürsel: Aber sie haben sich doch freiwillig für dieses Interview gemeldet.
Böse: Das hat etwas mit einer aktuellen Mission zu tun.
Stiftnürsel: Was?
Böse: Stiftnürsel. Nicht jeder mag deine Art zu schreiben. Auf deinen Kopf ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Und das werde ich mir jetzt holen.
Gut: Nicht solange ich lebe.
Böse: Ich habe gehofft, dass du das sagen würdest.
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Mittwoch, 9. Juni 2010
Alle Fußballfans mit WM-Vorfreude sollten nicht weiterlesen, denn es folgt der Sieger der Fußballweltmeisterschaft 2010: Südafrika. Woher ich das weiß? Diese Vorhersage basiert auf einem System, dessen Trefferwahrscheinlichkeit so immens ist, dass man es niemals anfechten sollte oder können wird. Da ich dieses System niemandem vorenthalten möchte, hier der genaue Ablauf:
Man benötigt einen fairen Würfel. Nun nimmt man den WM-Spielplan und legt los. Spiel Nummer eins. Südafrika gegen Mexiko. Zunächst muss der Gewinner ermittelt werden. Bei einer „1“ oder „2“ gewinnt Südafrika, bei einer „3“ oder „4“ gibt es ein Unentschieden, bei einer „5“ oder „6“ gewinnt Mexiko. In meinem Beispiel gewinnt Südafrika. Wie hoch? Wir würfeln wieder. „1“ bedeutet ein Tor, „2“ zwei, „3“ drei und bei allen anderen Ergebnissen wird neu gewürfelt. Mehr als drei Tore werden nicht gezählt, da sie äußerst selten vorkommen. Ergebnis: „3“. Nun würfeln wir für Mexiko. Hier kommt die „4“ zusätzlich ins Spiel, und zwar als Null. Eine Bedingung gibt es noch: Das gewürfelte Ergebnis muss unter dem Südafrikas liegen, bei einer „3“ wird also neu gewürfelt. Ergebnis: „1“. Das bedeutet: Südafrika gegen Mexiko: 3:1. Im Falle eines Unentschieden hätte man übrigens nur einmal gewürfelt. Wieder mit den Zahlen „1“ bis „4“, wobei dann zum Beispiel eine „1“ für ein 1:1 oder eine „4“ für ein 0:0 steht.
Das machen wir nun die gesamte Gruppenphase durch. Danach wird gerechnet. Punkte zählen, Tordifferenzen berechnen und die Gruppentabellen dementsprechend ausfüllen. Anhand dieser Ergebnisse geht es nun in die K.O.-Runde. Hier geht das Würfeln weiter wie bisher, mit einer Besonderheit: Bei einem Unentschieden wird wieder das Ergebnis berechnet, danach aber die Verlängerung erwürfelt und deren Ergebnis zum Vorherigen Ergebnis dazu addiert. Beispiel aus meiner Tabelle: Viertelfinale zwischen Dänemark und Portugal. Wurf eins: Unentschieden. Wurf zwei für das Ergebnis: „2“, also 2:2. Neuer Wurf für die Verlängerung: Portugal gewinnt, Ergebniswurf: 0:1. Endergebnis: 2:3. Hätte es hier ein weiteres Unentschieden gegeben, wäre als nächstes noch das Ergebnis des Elfmeterschießens ermittelt worden (diesmal natürlich ohne Unentschieden).
Nach diesem System habe ich gestern die gesamte WM ausgewürfelt und kam zu dem Ergebnis, dass Südafrika Weltmeister wird. Natürlich klingt das zunächst sehr unwahrscheinlich. Aber ist es unmöglich? In meinen Augen nicht. Ist es denn wichtig, dass das Ergebnis eintritt? Auch hier: nein. Kann man denn ein besseres System entwickeln, um das Ergebnis der WM zu ermitteln? Ich wiederhole mich nur ungern, tue es aber trotzdem: nein. Und damit bin ich auch schon beim Thema meines Textes (was für eine immense Einleitung).
Ich bin kein großer Fußballfan. Früher war das anders, da bin ich noch mit Dortmundtrikot durch die Gegend gelaufen, habe wöchentlich die Bundesligaspiele verfolgt, gefeiert, wenn es gute Ergebnisse für „meine“ Mannschaft gab und getrauert, wenn dies nicht der Fall war. Auch auf Ergebnisse habe ich getippt. Dabei ging es natürlich nie um Geld (beziehungsweise hohe Beträge). Man hat einfach versucht, den Sport in irgendwelche Systeme zu quetschen und zu beweisen, dass man Ahnung hatte. Selbstverständlich war es Glück, ob Ergebnisse so eintrafen wie man das wollte oder nicht, so ist das schließlich immer im Leben. Dennoch hat man sich etwas darauf eingebildet, wenn man Recht hatte. Man war eben ein guter Analytiker und hatte Ahnung von Fußball. Lag man daneben, war natürlich nicht das eigene System Schuld, sondern die Mannschaft. Man konnte ja nicht ahnen, dass Spieler A diesmal nicht sein Bestes geben würde. Oder sich Spieler B eine Stunde vor Anpfiff eine Verletzung beim Training zuziehen würde. Woher auch? Ist ja nicht die Norm. Und bei analytischen Systemen bezieht man sich immer auf Standard-, beziehungsweise erwartete Werte. Dadurch ist dann auch die Überraschung größer, wenn man falsch liegt. Und nicht man selbst schuld.
Trotz meiner Fußballignoranz gibt es alle zwei Jahre etwa einen Monat in meinem Leben, in dem ich mich für Fußball interessiere. Dieser heißt entweder Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft. Ich finde diese Turniere spannend und nicht so langatmig wie die Bundesliga. Zudem interessiert mich der Sport einfach nicht so sehr, dass ich mich da wöchentlich mit beschäftigen müsste. Dafür habe ich schließlich Wrestling und mich mit dieser Aussage vermutlich in den Augen vieler für jedwede weitere Diskussion disqualifiziert. Ein weiterer Vorteil an der Turnierfreude: Man hat zwischen ihnen über zwanzig Monate Zeit zur Erholung.
Diese Turniere sind nun aber immer sehr tippanfällig. Das bedeutet, dass sich regelmäßig viele Menschen zu einer Gruppe zusammenschließen, Ergebnisse tippen, bei richtigen Tipps dafür Punkte bekommen und diese am Ende miteinander vergleichen. Man sitzt über dem Spielplan gebeugt, denkt über die Spiele und die teilnehmenden Mannschaften nach, ermittelt einen Sieger und danach vielleicht sogar das Ergebnis. Jeder geht hier nach einem eigenen System vor.
Erzähle ich anderen von meinem System, bekomme ich gemischte Reaktionen zurück. Einige finden es lustig. Manche verstehen sogar, was ich damit zeigen möchte. Andere nicht. Die werfen mir umgehend gemeine Dinge vor. Am liebsten höre ich, dass ich mich wichtigmachen möchte. Das kann ich den Leuten auch gar nicht übelnehmen, denn es gibt sicherlich Menschen, die Ergebnisse erwürfeln, sich dann breitbeinig in die Welt stellen und jedem erzählen wie toll man doch sei, weil man als einziger erkannt hätte, dass Fußballtipps reine Glückssache sind. Diese Leute mag ich auch nicht, denn ich würfle nicht, um anderen die Freude an Tipprunden zu nehmen oder sie als dumm darzustellen. Jeder soll und darf tippen, worauf er möchte und wer bin ich denn anderen diesen Spaß zu vermiesen? Ich bestehe nur darauf, dass man meine Tippart genauso anerkennt, wie ich die der anderen. Wer sich in Statistiken vertiefen möchte, soll das machen, dann aber auch dazu stehen, wenn er Fehler gemacht hat.
Ich kann bei Fehlern sagen: „Gut, ich habe nur gewürfelt.“ Analytiker geraten hier häufig in Erklärungsnot. Kommentatoren im Fernsehen zum Beispiel. Am liebsten würde ich Fußball ja ohne Kommentatoren sehen. Was die manchmal für einen Stuss von sich geben, ist wirklich nicht mehr feierlich. „Mannschaft A hat einen 1:0 Rückstand bei einem Auswärtsspiel ab der 80. Minute noch nie einholen können.“ Aha. Danke für diesen repräsentativen Wert. Dann kann ich ja jetzt ausschalten. Es passiert schließlich nichts mehr. Das wurde ja soeben erwie… oh? Tor? 1:1? Wie kann das sein? „Damit hat keiner mehr gerechnet!“ Allerdings. „Das zeigt mal wieder, dass sich Fußball nicht an Statistiken hält!“ Interessant. Warum erstellt ihr dann welche?
Ich kann ernsthafte Statistikbesessenheit beim Fußball (aber auch beim Rest der Welt) nicht leiden. Am Ende trifft es irgendwann schließlich immer ein, das unerwartete Ereignis. Darum analysiere ich bei der Tippabgabe auch nicht. Ich würfel. Selbstverständlich weiß ich, dass gerade in der Gruppenphase manche Spiele anders ausfallen, als ich sie erwürfelt habe. Dass Mexiko Frankreich mit 3:0 besiegt ist sehr unwahrscheinlich (nicht unmöglich). Aber wenn ich schon würfel, dann auch überall. So muss ich wenigstens nicht raten, wenn ich mal keine Ahnung habe. Honduras gegen Chile? Ich kenne keine der beiden Mannschaften. Waren die überhaupt schon einmal bei einer WM? Haben die je ein Tor erzielt? Oder Spieler, die das könnten? Ich weiß es nicht. Soll ich mich darüber informieren, um bei der Tippabgabe wahrscheinlich richtiger zu liegen als andere? Nein. Ich würfel. Honduras gegen Chile: 0:1. Nur zur Information. Kann stimmen, muss aber nicht.
Mittlerweile bin ich schon so weit, dass ich bei spontan erfragten Tippabgaben nur noch „ich weiß es nicht“ angebe. Zumindest wenn kein Würfel in der Nähe ist. Zu irgendwelchen Aussagen lasse ich mich ohne zufallsgestütze Hilfe nicht mehr hinreißen. Außer beim Wrestling. Jeder hat seine Fehler.
Nun möchte ich aber noch einen Grund nennen, warum ich gerade beim Fußball nur ungerne Tipps abgebe: Es versaut mir das Gucken. Wie schon häufig gesagt: Ich interessiere mich nicht wirklich für die Mannschaften. Ich favorisiere lediglich zwei Länder. Land eins ist Deutschland, weil es mein Heimatland ist und man es darum eben anfeuert. Land zwei ist Portugal. Wegen eines sehr guten Freundes. Alles andere (wie zum Beispiel die Spielernamen) ist mir egal. Ich möchte ein schönes Turnier sehen. Mit spannenden Spielen, denkwürdigen Szenen und so weiter. Wenn ich mitfieber ist mir das Ergebnis egal. Beispiel Chile gegen Honduras: Der Sieger ist mir vollkommen egal. Wenn das Spiel spannend ist, bin ich der Gewinner. Ich sehe Fußball so wie ich Wrestling gucke. Das Ergebnis ist mir im Grunde egal, ich will ein tolles Match sehen. Natürlich sollte man Fußball und Wrestling nur bedingt miteinander vergleichen. Man sollte sich aber auch nicht immer zu sehr auf Statistiken verlassen.
Zurück zur Neutralität: Das Problem ist jetzt nämlich, dass ich bei „Egalspielen“ automatisch für die Mannschaft bin, auf die ich getippt habe. Eben weil man ja auf sie getippt hat. Zumindest wenn man den Tipp „errechnet“ oder „analysiert“ oder was auch immer hat. Und das möchte ich nicht. Ich bin froh, dass ich eine gewisse Neutralität beim Fußballschauen vorweisen kann. Ich fiebere mit, ich springe auf, ich schreie. Ich bin kein langweiliger Rumsitzer sondern zeige auch Emotionen. Nur eben für beide Mannschaften. Natürlich ist es schade, wenn Deutschland ausscheidet. Aber heulen muss ich deswegen auch wieder nicht.
Um mal wieder auf meinen Tippschein zu sprechen zu kommen: Seine größte Schwäche ist natürlich die bereits getippte K.O.-Runde. Ich gehe davon aus, dass sich die Qualifikation nicht so entwickeln wird, wie ich es hier vorhergesagt habe. Somit werden viele der getippten Spiele gar nicht stattfinden. Darum habe ich auch einen leeren Spielplan hinten angefügt, den ich dann noch einmal „live“ anpassen und mitwürfeln werde. Dies ist mein gutes Recht, schließlich tippen gewöhnliche Tipprunden auch immer nur die Ergebnisse gekannter Partien. Der komplett fertige Spielplan ist nur ein lustiger Vergleichswert.
Ich bin gespannt, wie häufig ich falsch liege. Jetzt werde ich mich aber erst einmal auf die WM vorbereiten. Ich muss Statistiken wälzen, Mannschaften analysieren und das Wetter beobachten. Ich möchte ja möglichst richtig liegen. Ach nein, Moment. Ich gucke Fußball ja wegen der Spiele. So ein Glück aber auch. Alles Gute, Südafrika! Ich bin bei euch! Auch im Finale gegen Portugal! Das gewinnt ihr nämlich 0:1! Tut mir wirklich leid, Deutschland. Dass die USA euch im Achtelfinale mit 1:2 aus dem Turnier wirft konnte ja keiner ahnen!
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Freitag, 4. Juni 2010
Es war unvorstellbar. Mark schaute auf seinen Wecker, um sich so zum dritten Mal zu vergewissern, dass die Weckfunktion auch wirklich deaktiviert war. Er schüttelte ungläubig den Kopf, erhob sich, öffnete den Vorhang und hielt sich aufgrund der plötzlich auftretenden Helligkeit schützend die Hände vor die Augen.
In diesem Moment erinnerte er sich. Die Vorlesung. „Grundlagen des Marketings“. Grundlagen. Wen interessieren denn schon Grundlagen? Er hatte die Themen bereits am gestrigen Abend überflogen und schnell festgestellt, dass nicht viel Neues zu erwarten war.
Viele seiner Studienkollegen hatten aus diesem Grund angekündigt, die heutige Vorlesung einfach sausen zu lassen. Schließlich wurde man von niemandem dazu gezwungen, sie sich anzuhören. Außer Mark. Er wurde gezwungen. Von seinem eigenen Gewissen. Er wusste selbst, wie unsinnig diese Denkweise war, hatte es aber Zeit seines Lebens noch nicht geschafft, sie abzulegen. Es war ihm unmöglich, die Vorlesung absichtlich nicht zu besuchen, denn er würde sich deswegen sein Leben lang Vorwürfe machen.
Seine Eltern hatten ihm gesagt, er solle das Studium ernst nehmen. Nur dann würden sie es ihm finanzieren. Wenn er jetzt zu Hause bliebe, hätte er sie betrogen. Auch, wenn sie es wahrscheinlich niemals erfahren würden. Er wäre ein Lügner und hätte sie enttäuscht.
Da in Mark bereits gestern der Drang aufgekommen war, nicht zur Uni zu fahren, hatte er versucht, sich selbst reinzulegen, indem er länger aufgeblieben war, als gewöhnlich und danach vergessen hatte, sich den Wecker zu stellen. Natürlich hatte er es nicht wirklich vergessen. Er tat alles vollkommen bewusst, hatte sich währenddessen jedoch eingeredet, nur versehendlich nicht auf den Wecker zu achten.
Zu Marks großem Bedauern hatte sein Weckerplan jedoch nicht funktioniert. Er verstand selbst nicht genau, warum er ausgerechnet heute um Punkt 10 Uhr wach werden musste und sich sogar ausgeschlafener fühlte, als an jedem anderen Tag der letzten Wochen. Es war wie verhext. In der Regel schlief er an weckerlosen Tagen mindestens bis 12 Uhr. Darauf hatte er sich heute verlassen und sich letztendlich selbst enttäuscht. „Verdammte innere Uhr.“, raunte Mark. „Also gut. Fertig machen und auf zur Vorlesung. Nicht, dass ich den Bus verpasse.“
Während der nächsten Minuten hallten die Worte „den Bus verpassen“ durch Marks Kopf und versuchten, ihn zu beeinflussen. So rasierte er sich zum ersten Mal seit mindestens einer Woche wieder und vergaß „versehendlich“, vorher die Kaffeemaschine einzuschalten. Dadurch musste er nach der Körperpflege noch ein paar Minuten auf den überlebenswichtigen Kaffee warten, bevor er ihn in seine Thermoskanne füllen und das Haus verlassen konnte.
An der Wohnungstür angekommen, fiel Mark auf, dass sein T-Shirt farblich irgendwie nicht zur Hose passte. Also zog er sich noch einmal um. Nicht, dass die Leute plötzlich anfingen, über einen zu reden.
Leider gelang es Mark trotz all seiner Bemühungen nicht, viel Zeit totzuschlagen. Um den Bus zu erreichen, musste er sich noch lange nicht beeilen. Dies bedauernd verließ er das Haus und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Als er seine Wohnung verließ und an den im Hof stehenden Mülltonnen vorbeiging, erinnerte er sich plötzlich an den Müllbeutel in der Küche, den er eigentlich gestern schon hatte runterbringen wollen. Mark war überzeugt davon, dass der Beutel auf gar keinen Fall noch länger in der Wohnung stehen bleiben durfte. Es würde sicherlich zu Schimmelbildungen kommen und dadurch wäre schon bald die komplette Kücheneinrichtung hinüber. Außerdem wollte Mark die eigene Faulheit nicht einfach so tolerieren. Ab heute würde er den Müll immer rechtzeitig runterbringen. Der Kampf gegen die Unordnung hatte begonnen. Das Risiko, den Bus zu verpassen, musste er dabei leider in Kauf nehmen.
Langsam ging Mark zurück in seine Wohnung, betrat die Küche, nahm den Beutel aus dem Mülleimer, steckte einen neuen Beutel hinein, kontrollierte die Küche, ob nicht noch irgendwo Müll aufzufinden war, knotete den vollen Beutel zu, schaute auf die Küchenuhr und stutzte. Im Eifer des Aufräumens hatte er doch tatsächlich die Zeit vergessen und nur noch wenige Minuten, bis der Bus eintreffen würde.
„Jetzt nur nicht hetzen“, sagte Mark zu sich selbst. „Nicht, dass du noch Kreislaufprobleme bekommst.“ Er nahm den Müllbeutel und wollte gerade die Wohnung verlassen, als ihm einfiel, dass er in der Küche das Fenster nicht geöffnet hatte. Da es dort jedoch stark nach Müll roch, ging Mark wieder zurück und öffnete es. Erneut an der Wohnungstür angelangt, kam ihm der Gedanke, dass es eventuell anfangen könnte, zu regnen. Und dann würde die Küche überschwemmt werden. Also schloss er das Fenster wieder. Sicher ist sicher.
Irgendwann schaffte Mark es dann tatsächlich, die Wohnung zu verlassen, den Müll in die Mülltonne zu werfen und den kurzen Weg zur Bushaltestelle in Angriff zu nehmen. Nach wenigen Metern bog er um eine Häuserecke und stand an einer großen Kreuzung, an deren gegenüberliegenden Straßenseite die Bushaltestelle zu sehen war. Um sie zu erreichen, musste Mark nur noch die Hauptstraße überqueren.
Als er an der Fußgängerampel stehen blieb, sah er plötzlich zwei Dinge, die in ihm die Hoffnung wieder aufkeimen ließen, am heutigen Tag doch noch schuldbefreit zu Hause bleiben zu können. Zunächst einmal konnte er den Bus Richtung Uni erkennen, der die Haltestelle fast erreicht hatte. Gleichzeitig sah er neben sich eine ältere Dame, die offensichtlich Probleme damit hatte, sich auf ihrem Gehstock abzustützen. Die Fußgängerampel schaltete auf grün und die Frau setzte sich langsam und unsicher in Bewegung. Das war Marks Chance, auf die er so lange gewartet hatte.
„Entschuldigen sie!“, sagte er. „Darf ich ihnen vielleicht behilflich sein?“ Die Frau schaute Mark zunächst erschrocken an, änderte ihren Gesichtsausdruck aber schnell in ein freundliches Lächeln. „Das ist aber sehr nett von ihnen, junger Mann.“, antwortete sie erleichtert und hielt Mark ihren Arm hin, auf dass er sich einhaken konnte.
Das tat Mark auch. Innerlich jauchzte er vor Freude, während er absichtlich langsamer, als es für die Frau überhaupt nötig gewesen wäre, die Straße überquerte und dabei aus den Augenwinkeln den Bus beobachtete, der mittlerweile seine Station erreicht hatte. Mark konnte sehen, wie sich die Türen öffneten und Menschen ein- und ausstiegen. Schon in wenigen Augenblicken würden sich die Türen wieder schließen, der Bus weiterfahren und Mark hätte ihn verpasst. Um eine gute Tat zu begehen. Der Plan war perfekt und sein Gewissen vollführte erleichtert Luftsprünge.
„Wissen sie, junger Mann, “, sagte die alte Frau ruhig zu Mark, „da drüben in dem Bus, das ist mein Enkel.“ Sie schaute in Richtung des Busses und nickte grüßend mit dem Kopf. Mark schaute ebenfalls herüber und konnte erkennen, wie der Busfahrer die Hand hob und winkte. „Das ist Jens. Ich fahre jeden Tag mit seinem Bus in die Stadt. Mit seinem Bus. Das sage ich immer zu ihm, auch wenn das natürlich nicht stimmt. Weil er weiß, dass ich mitfahren will, wartet er sogar auf mich, wenn er sieht, dass ich mich ein wenig verspätet habe. Darum muss ich mich jetzt auch nicht unnötig beeilen. Gut, dass er uns gesehen hat. Er ist ja so ein netter Junge.“
Marks Plan verwandelte sich in eine Seifenblase, die von einem Windstoß unaufhaltsam in Richtung einer großen Tanne geweht wurde, bis sie dort jämmerlich zerplatzte. Höhere Mächte. Es konnte keine andere Erklärung für das geben, was sich hier vor seinen Augen abspielte. Hatte er sich in der Vergangenheit etwas zu Schulden kommen lassen? Mark überkamen Selbstzweifel. Gleichzeitig akzeptiere er aber auch sein unausweichliches Schicksal. Er würde die Vorlesung besuchen. Sie war ein Fluch, der auf seinen Schultern lastete. Und wer konnte sich schon einem Fluch entziehen?
Mark und seine Begleiterin hatten in der Zwischenzeit die Straße überquert und legten die restlichen Meter zum Bus mit wenigen Schritten zurück. Sie betraten den Bus, der Fahrer bedankte sich bei Mark für seine Hilfe, dieser setzte sich in eine der hinteren Reihen und der Bus fuhr los.
Während der Fahrt dachte Mark kurz darüber nach, ob er nicht versuchen sollte, einzuschlafen, um seine Station so zu verpassen, wusste aber gleichzeitig, dass es unmöglich war, jetzt noch einen Moment der Ruhe zu finden. Also ließ er die letzten Stunden noch einmal Revue passieren und musste dabei sogar ein wenig schmunzeln.
So verging die Zeit bis zur Universität wie im Fluge und irgendwann erreichte der Bus Marks Zielort. Er stand auf, ging zur Tür und betrat vor allen anderen den Gehweg.
Das Erste, was er hörte, war ein lauter Schrei. „Vorsicht da vorne!“, erklang eine kreischende Stimme und als Mark nach rechts blickte, konnte er nur noch eine Fahrradfahrerin erkennen, die mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zugerast kam. Ihm blieb keine Möglichkeit mehr, zu reagieren und so erfasste ihn das Gefährt mit voller Wucht und riss ihn zu Boden. Mark bekam von alldem nicht viel mit. Es spielte sich viel zu schnell ab.
Als Mark nach dem ganzen Chaos wieder realisierte, wo oben und unten war, schaute er sich benommen um. Er lag auf dem Boden. Der Radfahrerin war anscheinend nichts passiert, denn sie stand kreidebleich über ihn gebeugt und machte ein erschrockenes Gesicht. Erst jetzt erkannte er sie. Es war die Professorin, die seine heutige Vorlesung halten sollte. Er wollte aufgrund dieser ironischen Fügung des Schicksals lachen, der stechende Schmerz in seinem rechten Fuß hielt ihn jedoch davon ab.
Ihm wurde übel, als er den Fuß betrachtete. Er war merkwürdig zur Seite gedreht und anscheinend gebrochen. Jetzt musste Mark tatsächlich lachen. Um ihn herum verstand zwar niemand, was an dieser Situation so lustig sein sollte, er jedoch freute sich. Er hatte ihn also doch noch gefunden. Den Grund, nicht in die Vorlesung zu gehen.
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Freitag, 14. Mai 2010
Wenn man mich fragt, was ich gerne habe, dann antworte ich meistens: „Meine Ruhe.“ Damit möchte ich dem Fragesteller selbstverständlich nicht sagen, dass er sich aus meinem Leben verziehen soll (zumindest normalerweise). Viel eher möchte ich andeuten, dass ich mich nicht gerne unter Menschenmassen begebe. Das hat weder etwas mit Phobien, noch mit allgemeiner Abneigung dem Menschlichen gegenüber zu tun. Ich habe keinerlei Berührungsängste und kann mich selbst in Gruppen voller Unbekannter gut zu Recht finden. Ich habe einfach gerne meine Ruhe.
Einige haben mein Leben aus diesem Grund bereits als langweilig erklärt und es würde mir nicht im Traum einfallen diesen Personen zu widersprechen. Schließlich wissen sie viel besser wie ich mich fühle und was ich mag. Oder: wie ich mich zu fühlen und was ich zu mögen habe. Ich selbst kann darüber nicht urteilen.
Und was mache ich jetzt so während meiner Ruhezeiten? Meistens betätige ich mich als Nussknacker und knacke Kopfnüsse. Ich liebe Rätsel und damit beziehe ich mich nicht auf Kreuzworträtsel. Diese Unterkategorie der Rätsel finde ich so langweilig, wie manche Menschen meinen Lebensstil. Gewöhnliche Kreuzworträtsel basieren auf dem Auswendiglernen von Antworten und häufig muss ich eher an Glücksrad, als an wirkliche Herausforderungen denken. Natürlich gibt es hier auch schwere Varianten aber auch diese wissen mich nicht zu unterhalten.
Viel eher konzentriere ich mich auf andere Rätselformen, die sich zum Beispiel mit Titeln wie „Suriza“, „Kakuro“ oder „Hashi“ schmücken. Auch „Sudoku“ gehört dazu, jedoch nicht in seiner Standardversion, sondern in den vielen unterschiedlichen Abarten davon. Leider darf ich nicht vielen Menschen von meiner Rätselleidenschaft erzählen, denn häufig ernte ich dafür Gelächter. Einmal von den oben erwähnten Aktivitätssüchtigen, die Rätsellösen für etwas halten, wofür man nach dem Tod noch genügend Zeit hat. Dann gibt es da aber noch eine andere Art des Gelächters, die fast noch schlimmer ist: Das angeberische Gelächter.
Leider birgt Rätseln ein hohes Angeberpotenzial in sich. Das fängt schon beim bevorzugten Stiftwerk an. Ich löse Rätsel mit einem Bleistift. Warum? Damit ich Fehler wegradieren kann. Erzähle ich das manchen Menschen, lachen sie mich deswegen aus. Man löst Rätsel nämlich nicht mit dem Bleistift, sondern mit einem Kugelschreiber. Weil man als guter und intelligenter Rätsler nämlich keine Fehler macht. Es ist faszinierend, mit welch angeberischem Unterton man eine solche Aussage an den Kopf geworfen bekommt. „Ich brauche keinen Bleistift.“, „Bleistift? Benutze ich nicht, ich radiere nicht“ und so weiter. Wäre ich auf den Mund gefallen würde ich in diesem Moment nichts sagen. Bin ich aber nicht. Darum werfe ich meinen Kugelschreibern immer vor, selbst dumm zu sein. Schließlich macht jeder einmal Fehler. Werde ich beispielsweise kurz abgelenkt und fülle aus diesem Grund versehendlich ein falsches Kästchen aus, soll ich gleich das ganze Rätsel als ungelöst abschreiben und durchstreichen? Warum sollte ich das tun? Viel lieber korrigiere ich den kleinen Fehler und löse das Rätsel weiter. Soll ich denn eine Sammlung durchgestrichener Rätsel zu Hause anhäufen? Ist es nicht beeindruckender alles gelöst zu haben? Darf ich mir keine Fehler eingestehen?
Dabei vergessen die Antiradierer eins: Wenn bei mir zu Hause jemand durch meine Rätselhefte blättert, findet er entweder gelöste oder nicht begonnene Rätsel. Trifft er auf Fehler? Nein. Die habe ich schließlich wegradiert. Wie sähe gleiches Szenario bei meinen angeberischen Kollegen aus? „Warum ist das hier durchgestrichen?“ „Oh, da habe ich einen Fehler gemacht.“ „Und darum musstest du gleich alles durchstreichen?“ „Na weil ich den Kuli ja nicht wegbekomme.“ „Warum benutzt du dann keinen Bleistift?“ „Weil das ein Zeichen von Dummheit ist. Weil nur Leute Bleistifte benutzen, die Fehler machen.“ „Aber du hast hier doch einen Fehler gemacht.“ „Ja, kann ja mal passieren.“ „Ist das nicht blöd, dass du das Rätsel jetzt nie vollenden kannst? Wäre es nicht intelligenter einen Bleistift zu benutzen, um Flüchtigkeitsfehler, die deiner Aussage nach ja immer mal passieren können, korrigieren zu können?“ „Neinneinneinneinnein.“
Neben meiner Stiftnutzung werde ich aber auch für eine andere Angewohnheit ausgelacht: Ich mache mir gerne Randnotizen. Gibt es zum Beispiel bei einem Sudoku in einem Feld nur noch zwei mögliche Zahlen die man eintragen könnte, dann notiere ich diese klein in die Ecke des Feldes. Warum sollte ich sie mir auch merken? Ich konzentriere mich lieber auf andere Stellen des Rätsels, als immer wieder überlegen zu müssen, welche Zahlen an welcher Stelle eingetragen werden können.
Sehen das andere Leute, heißt es oft: „Hahaha, du bist so dumm. Du machst Randnotizen! Ich nicht! Ich brauche das nicht! Ich löse Rätsel immer ohne Randnotizen! Weil ich toll bin! Und intelligent! Intelligenter! Als du! Depp!“ Diese Leute sind mit ein Grund, warum ich auf die Frage im ersten Absatz dieses Textes immer die dort genannte Antwort gebe. Es kommt mir so vor, als würden meine Rätselfeinde lediglich rätseln, um toll zu sein. Sie möchten Rätsel nicht nur lösen, sondern dabei auch noch wie die tollsten Menschen des Planeten wirken. Ich dagegen möchte mit meinen „Rätselkünsten“ nicht angeben. Ich möchte mich damit beschäftigen und ablenken. Ich sitze gemütlich am Schreibtisch, auf dem Sofa oder liege im Bett und schalte rätselnd ab. Für wen? Nur für mich und niemanden sonst. Ja, ich bin stolz, wenn ich ein schweres Rätsel gelöst habe. Warum auch nicht? Aber muss ich das gleich jedem erzählen? Nein, das muss ich nicht.
Es ist wirklich traurig, dass Rätseln zu einem Angebersport mutiert ist. Natürlich sollte man einfach nicht auf diese Angeber eingehen. Aber man kann sich ja auch schlecht gegen sie wehren. Kaufe ich ein Rätselheft und werde dabei von einem Bekannten beobachtet, kommt sogleich ein „Uh, du rätselst, bist du gut? Du löst doch bestimmt nur die schweren Rätsel, oder?“ zurück. Soll ich lügen? Oder selbst zum Angeber werden? Nein, niemals. Ich besitze Rätselehre. Erzählt mir jemand angeberisch von seinen Rätselmethoden, schmettere ich ihm ein „Du bist so toll.“ in sein Gesicht und achte darauf, meinen Tonfall so verächtlich wie nur möglich erklingen zu lassen. Beim Verkünden der Wahrheit habe ich zum Glück, wie bei der Kontaktaufnahme, ebenfalls keine Berührungsängste. Sollte meine ausgesprochene Verachtung einmal zu Handgreiflichkeiten führen, greife ich einfach zu meinem angespitzten Bleistift, steche zu und radiere meinen Gegner aus. Ich mache keine Fehler.
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Dienstag, 4. Mai 2010
Ich bin faul. Ist es nicht schön, wie der erste Satz dieses Textes im Gegensatz zum Titel steht. Wenn das nicht zum Weiterlesen anregt, weiß ich auch nicht weiter. Wo war ich? Ach ja, ich bin faul. Nein, besser: Unglaublich faul. Oder un-glaub-lich faul, um es noch weiter zu betonen. Ich weiß gar nicht, wie man das heutzutage richtig schreibt. Vielleicht un glaub lich? Egal. Bleibe ich eben beim faul alleine. Das trifft es treffend und ist in seiner Schreibweise schön unflexibel. Perfekt.
Warum genau bin ich denn jetzt eigentlich faul? Das ist eigentlich ganz einfach. So einfach, wie das Wort „eigentlich“ in jedem meiner Sätze unterzubringen. Aber darum soll es hier ja eigentlich gar nicht gehen. Eigentlich möchte ich über etwas ganz anderes schreiben. Stopp. Themenbezug bitte. Und weniger eigentlich. „Themenbezug“? „Bezug“? Wie in „Bettbezug“. Sehr gut. So komme ich also doch noch zum Thema und dem damit in Verbindung stehenden Bett. Ein Bett steht ja eig... steht ja symbolisch für Faulheit. Weil man darin schläft. So wie ich. Und das täglich. Bis mindestens elf Uhr.
Da ist er also, mein Faulheitsgrund. Ich schlafe tatsächlich täglich bis elf Uhr. Mindestens. In der Regel sogar länger. Natürlich nur, wenn ich keine Termine habe, die frühes Aufstehen erfordern. Aber die hat man ja zum Glück nicht, wenn man freiberuflich zu Hause arbeitet. Dafür verdient man dann auch kein Geld. Aber an ein Einschlafen mit Kummerbauchschmerzen kann man sich schneller gewöhnen, als ein Leser zunächst denken mag.
Zurück zum Schlafen: Ja, ich schlafe bis in die Mittagsstunden hinein. Was man sich deswegen immer anhören muss, verursacht ebenfalls Kummerbauchschmerzen. Häufig fällt hier das in der Einleitung erwähnte Wort „faul“. Und warum? Weil meist erwachsene / ältere Menschen mit dieser Vorstellung nicht klarkommen. Aufgrund festgelegter Tagesabläufe. Besser: Tagestraditionen. Ein Mensch steht früh auf. Spätestens um 9 Uhr ist man wach und zieht die Rollläden hoch. Sonst gucken die Nachbarn und reden schlecht über einen. Diesem Tagesablauf zu entkommen ist nicht nur unmöglich, sondern auch falsch. Größtenteils wegen den Nachbarn.
Häufig fällt folgender Satz, wenn ich den Traditionellen mal wieder von meinem Leben als Langschläfer erzähle: „Wie kannst du nur so lange schlafen (Hier stand übrigens ursprünglich „schlange“ statt „schlafen“. Lange Schlange schlagen schlafen. Schwere Wörter. Kann man ja mal vertauschen.)?“ Ich erwidere dann immer: „Definiere bitte „lange“, denn ich schlafe vermutlich nicht länger als du, sondern später.“ Das versteht dann meistens keiner und darum möchte ich das jetzt endlich mal erklären.
Frühaufsteherfreunde vergessen schnell mal eine Kleinigkeit: Ich gehe erst zwischen zwei und vier (also drei) Uhr morgens ins Bett. Stundentechnisch leiste ich also nicht mehr Schlaf, als die Frühaufsteher, da diese normalerweise früher ins Bett gehen (Ausnahmen haben ´nen Schaden). Ich bin also nur faul, wenn man Faulheit nach Schlafzeit und nicht -dauer definiert. Das sollte man aber nicht. Das ist nämlich eigentlich wirklich ziemlich dämlich. Und gemein mir gegenüber. Also lasst das bitte. Oder verbreitet ihr diese Gemeinheiten etwa, weil ihr neidisch seid? Möchtet ihr wie ich beim Zubettgehen euren Kopfhebel von ein- auf ausschlafen stellen? Seid ihr etwa sauer auf mich, weil ich mir diesen Luxus leisten kann? Beantwortet ihr diese Frage mit „ja“, seid ihr tatsächlich richtig dämlich.
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