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Samstag, 18. Juli 2009
Diese 12-teilige Mini-Serie hatte ich für die Internetseite der "Lüdenscheider Nachrichten" verfasst. Dort wurde sie in unregelmäßigen Abständen von mir veröffentlicht. Da die Texte über die Internetseite der "LN" jedoch nur noch schwer zu finden sind und Frankfurter Zeitungen kein Interesse an ihnen hatten, veröffentliche ich sie nun abschließend hier. Jeden Tag wird ein weiterer Text freigeschaltet.
Ich denke immer wieder gerne an Lüdenscheider Stadtbesuche vor meinem Umzug zurück. Nein, im Bereich der Geschäftsauswahl kann Lüdenscheid nicht mit Frankfurt mithalten. Aber wer erwartet das auch schon?
Die Lüdenscheider Innenstadt hatte dennoch einen großen Vorteil: Die Ruhe. Und damit beziehe ich mich nicht nur auf die fehlenden (oder nur in geringem Maße auftauchenden) Straßenmusikanten, über die ich bereits in einem meiner vorherigen Texte berichtete. Mir geht es vor allem um den Ruheluxus, nicht angesprochen zu werden. In Frankfurt sieht man sich nämlich schnell mit einem Problem konfrontiert: Umfragen.
Immer wieder taucht plötzlich aus dem Nichts ein Grinsegesicht auf und fragt, ob man kurz Zeit hätte. Die wichtigste Regel in dieser Situation lautet: Nicht reden, weiter gehen. Wer sich einmal auf ein Gespräch mit den Fragern eingelassen hat, kommt nur schwer wieder von ihnen los. Es ist schon störend genug, mindestens einmal im Monat Telefonumfragen abwimmeln zu müssen, damit jetzt aber auch noch auf der Straße konfrontiert zu werden, nervt.
Es gibt auf der Zeil ein paar Stellen, an denen grundsätzlich einige mit Stift, Papier und Schreibbrett bewaffnete Fragemonster auf ahnungslose Opfer warten. Erfahrene Frankfurter kennen diese Orte zwar und wissen, sie zu umgehen beziehungsweise zu ignorieren, Neulinge dagegen tappen schnell einmal in die Fragenfalle, aus der es nur schwer ein Entkommen gibt.
Die Besonderheit an Frankfurter Umfragen ist, dass sie häufig auf der Straße nur eingeleitet werden. Der Befragte soll dem Frager nach einer kurzen Vorstellung des Themas in ein angrenzendes Gebäude folgen. Dort sitzt man dann zusammengepfercht mit anderen Menschen (die auch nicht „nein“ sagen konnten), wird ausgefragt und bekommt aus Dank für die geopferte Zeit und die beantworteten Fragen eine Packung Filzstifte geschenkt. Das lohnt sich doch.
Mittlerweile habe ich für Umfragen einen Ignoranzblick entwickelt. Irgendwann erkennt man die Frager schon von weitem und geht nur noch kopfschüttelnd an ihnen vorbei. Sollte ich aber mal wieder eine Packung Filzstifte benötigen, weiß ich wenigstens, wo ich hingehen muss.
Nur einmal habe ich mich darüber geärgert, ein Umfrageangebot abgelehnt zu haben. Ein Mann erkundigte sich, ob ich an einer Umfrage teilnehmen wollte, ich schüttelte den Kopf, ging weiter und durfte vernehmen, wie er mir noch hinterherrief, dass man einem Teilnehmer zehn Euro in bar auszahlen würde. Nur meine Ehre hinderte mich daran, sofort umzukehren und dem Mann alles zu erzählen, was er wissen wollte. Geld ist nicht alles. Ärgerlich ist es trotzdem.
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Freitag, 17. Juli 2009
Diese 12-teilige Mini-Serie hatte ich für die Internetseite der "Lüdenscheider Nachrichten" verfasst. Dort wurde sie in unregelmäßigen Abständen von mir veröffentlicht. Da die Texte über die Internetseite der "LN" jedoch nur noch schwer zu finden sind und Frankfurter Zeitungen kein Interesse an ihnen hatten, veröffentliche ich sie nun abschließend hier. Jeden Tag wird ein weiterer Text freigeschaltet.
Ich hatte es in meinem zweiten Text bereits angedeutet: Lüdenscheid ist sehr bergintensiv. Die dort herrschenden Höhenunterschiede kann man hier in Frankfurt lediglich durch das Aufstellen hoher Gebäude erreichen. Nicht umsonst nennt man Frankfurt auch „Main-Hattan“. Die Wolkenkratzer der Banken sind deutschlandweit bekannt und auch, wenn man vermuten könnte, dass durch die aktuell herrschende Wirtschafts- und Bankenkrise immer weitere Etagen der Gebäude abgetragen werden, ist dies nicht der Fall. Die Skyline Frankfurts ist so beeindruckend, wie zuvor. Möchte hier tatsächlich jemand Berge mit Gebäuden vergleichen? Ja. Man kann es ja mal versuchen.
Betrachte ich die unterschiedlichen Frankfurter und Lüdenscheider Bergarten, sind mir die natürlichen Lüdenscheider Berge deutlich sympathischer, als ihre Frankfurter Gegenparts. Man sieht sie und muss sich körperlich betätigen, um sie zu erklimmen. Das ist zwar für den ein oder anderen Fußfaulen recht anstrengend, durch das konzentrierte Besteigen vergeht die dabei verstreichende Zeit aber ziemlich schnell. Relativität der Zeit. Man erinnert sich. Anders ist das in Frankfurt.
Ich wende mich von den Bankengebäuden ab und blicke Richtung Zeil, der Einkaufsstraße. Um mal ein wenig Salz in eine Lüdenscheider Wunde zu streuen, frage ich schelmisch grinsend, ob sich ein paar der Einwohner noch an ein Geschäft namens „Kaufhof“ erinnern können. Ich meine mal gehört zu haben, dass diese Kette einen recht großen Vertreter von sich im Stern Center hatte hausen lassen, der sich mittlerweile aber zurückgezogen hat. Sollte ihn jemand vermissen, möchte ich Frankfurt empfehlen. Hier gibt es nämlich noch einen Kaufhof. Und zwar einen verdammt großen.
So groß, dass es eine geschätzte Ewigkeit dauert, von der unteren in die obere Etage zu kommen. Wir reden hier von insgesamt neun Etagen. Alle verbunden durch einzelne Rolltreppen, die so langsam eingestellt sind, dass ich auf dem Weg nach oben einen kompletten Film gucken könnte. Ja, ich übertreibe ein wenig, doch kommt es einem so vor. Man bewegt sich nicht selbst, kann nichts machen und wird konstant langsam nach oben gezogen.
Leider geht es einem so in vielen Geschäften Frankfurts. Die Gebäude sind hoch, die Rolltreppen langsam. Eigentlich habe ich nichts dagegen, stehend bewegt zu werden. Wenn dieser Luxus aber so zäh abläuft, wie in Frankfurter Geschäften, gehe ich doch lieber aktiv zu Fuß die Lüdenscheider Kampstraße hinauf. Mehrmals.
Ein weiterer Nachteil der hohen Frankfurter Gebäudeberge sind die dadurch entstehenden Windbedingungen. Als stetiger Kappenträger kann ich mich im Bankenviertel nicht blicken lassen. Es sei denn, ich wollte sowieso Geld für eine Neue ausgeben.
Ich komme zu dem Schluss, dass ich natürliche Berge den konstruierten vorziehe. Was bringt die schöne Außenansicht, wenn das Erklimmen langweilt und nur langsam vonstattengeht? Schnelles Einkaufen ist in Frankfurt nicht möglich. Zumindest nicht, wenn man den immer ganz oben liegenden Elektroabteilungen einen Besuch abstatten möchte. Kampstraße, ich komme. Bei dir spare ich Zeit und Geld.
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Donnerstag, 16. Juli 2009
Diese 12-teilige Mini-Serie hatte ich für die Internetseite der "Lüdenscheider Nachrichten" verfasst. Dort wurde sie in unregelmäßigen Abständen von mir veröffentlicht. Da die Texte über die Internetseite der "LN" jedoch nur noch schwer zu finden sind und Frankfurter Zeitungen kein Interesse an ihnen hatten, veröffentliche ich sie nun abschließend hier. Jeden Tag wird ein weiterer Text freigeschaltet.
Zum zehnten Jubiläum meiner kleinen Vergleichsreise durch zwei Städte möchte ich mich nun endlich dem Thema widmen, das mir schon seit vielen Jahren auf dem Herzen liegt und dort darauf wartet, angesprochen zu werden.
Bekam ich Besuch aus Hessen, wurde diesem umgehend eine kulinarische Köstlichkeit vorgeführt, von der bisher noch niemand wieder loskam: Dem Döner. Ich rede hier aber nicht von irgendeinem Döner, sondern einem ganz besonderen. Ich möchte jetzt keine große Werbekampagne starten und spreche aus diesem Grund einfach den Kluser Platz an. Dönerkenner und Genießer wissen sofort, wovon ich rede.
Der Döner, der einem hier serviert wird, schafft es immer wieder aufs Neue, meine Geschmacksnerven anzuregen und zu Luftsprüngen zu animieren. Das Brot ist lecker, das Fleisch großartig, die Salatauswahl frisch und die vielen Soßen samt scharfem Pulver perfekt. So muss ein Döner sein. So und nicht anders. Alleine vom Beschreiben bekomme ich schon wieder Hunger darauf.
Wer mir jetzt sagt, ich solle mir doch einfach in Frankfurt einen Döner kaufen, den kann ich nur laut belachen. Ja, Frankfurt ist eine Großstadt und ja, hier gibt es auch Dönerläden. Bisher habe ich aber in noch keinem dieser Geschäfte auch nur einen einzigen Döner ganz aufgegessen. Und ich war in einigen.
Die Dönerzustände hier zu beschreiben, ist fast unmöglich. Unterschiedliche Soßen gibt es gar nicht (nur selten bekommt man neben Tsatsiki auch nur eine Alternative angeboten), der Salat ist eine in einem Eimer zusammengeschüttete Mischung aus zerhacktem Tiefkühlgras und das Fleisch erinnert an schwitzende Marathonläuferwaden. Ich mag hier ein wenig übertreiben, meine subjektive Wahrnehmung verhindert aber jedwede neutralere Formulierungen. Frankfurts Döner schmecken nicht. Gar nicht.
Immer, wenn ich Lüdenscheid einen Besuch abstatte und mit dem Auto am Altenaer Bahnhof abgeholt werde (geht schneller, als bis Lüdenscheid durchzufahren), lässt man mich an besagter Dönertanke aussteigen und eine Großbestellung für die gesamte zu Hause wartende Familie machen. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, meine Eltern würden mich nur mehrere Tage bei ihnen übernachten lassen, weil dadurch eine tägliche Dönerversorgung sichergestellt ist.
Sollte ein Lüdenscheider also gerade auf der Suche nach einer Geschäftsidee sein, so möge er doch bitte nach Frankfurt kommen und einen ordentlichen Dönerladen in der Gegend eröffnen. Einen sicheren Stammkunden hätte er schon mal.
Einige Frankfurter können meine Äußerungen bezüglich „ihres“ Döners übrigens gar nicht nachvollziehen. Ich ihre „Geheimtipps“ aber dafür auch nicht. Schrecklich.
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Mittwoch, 15. Juli 2009
Diese 12-teilige Mini-Serie hatte ich für die Internetseite der "Lüdenscheider Nachrichten" verfasst. Dort wurde sie in unregelmäßigen Abständen von mir veröffentlicht. Da die Texte über die Internetseite der "LN" jedoch nur noch schwer zu finden sind und Frankfurter Zeitungen kein Interesse an ihnen hatten, veröffentliche ich sie nun abschließend hier. Jeden Tag wird ein weiterer Text freigeschaltet.
In Text Nummer 6 hatte ich es bereits angesprochen, heute war es dann endlich so weit: Um Punkt 10 Uhr öffnete das neue Einkaufszentrum Frankfurts seine Türen.
Zunächst eine Korrektur: Das ehemalige „Zeil Forum“ nennt sich nun „MyZeil“. Das klingt schließlich internationaler. Dass dies bereits für regen Diskussionsstoff gesorgt hat, muss ich hier wohl nicht mehr extra betonen. Aber letztendlich zählen auch in Einkaufszentren die inneren Werte (wie menschlich!).
Einen Vergleich zwischen Lüdenscheid und Frankfurt möchte ich mir heute ausnahmsweise einmal ersparen. Lieber berichte ich direkt von der Eröffnung, dem Besucherandrang und meinen ersten Eindrücken.
Pünktlich zur um 09:30 Uhr beginnenden Eröffnungsrede kam ich in der Stadt an. Also um 09:50 Uhr. Ich mag Reden nämlich nicht. Sogleich durfte ich ein paar an Seilen hängende Trommler und Tänzerinnen bewundern, die sich an der extravaganten Glasfront des Gebäudes labten, es betanzten und betrommelten und damit die Massen unterhalten wollten. Eine nette Idee.
Nach einigen Minuten ließen sich die Tänzerinnen dann auf den Boden hinab und das obligatorische „Eröffnungsband“ wurde zerschnitten. Die Türen öffneten sich und eine kleine Blaskapelle spielte Lieder von „Pippi Langstrumpf“ und „Biene Maja“.
Nein, ich mache keine Witze. Tatsächlich drangen Kinderlieder an mein Ohr. Ich bin musikalisch nicht auf dem Laufenden und die allgemeinen Charts interessieren mich im Grunde überhaupt nicht, dennoch möchte ich an dieser Stelle behaupten, dass weder „Pippi Langstrumpf“, noch „Biene Maja“ dem aktuellen Zeitgeist entsprechen und das Geschehen musikalisch nur unangemessen untermauerten.
Aber was soll's. Man war ja nicht zum Tanzen da. Man wollte gucken. Nach Geschäften. Und das tat ich nach einigen Minuten dann auch. Zunächst ließ ich den ersten großen Besucheransturm an mir vorbeiziehen, danach betrat ich das Gebäude.
Ich mache es kurz: Ich war beeindruckt. Es gab nicht nur viele Geschäfte, sondern auch noch viel Platz. Die Gehwege sind angenehm breit und so kamen selbst während des heutigen Besucherandrangs kaum Platzprobleme auf. Außer an den Rolltreppen. Aber da staut es sich schließlich immer.
Auch optisch macht das Gebäude einiges her. Die komplett verglaste Fassade sorgt für angenehm natürliches Licht, das nur im zentralen Bereich mit Lampen verstärkt werden muss. Alles wirkt sehr sauber, ob das nach einer Woche immer noch der Fall sein wird, muss sich aber erst noch zeigen.
Vermutlich werde ich aber nicht viel Zeit in dem Gebäude verbringen. Es hatte sich bereits vorher angekündigt, dass viel Wert auf „Fashion & Lifestyle“ gelegt wird und so kam es dann auch. Wer gerne stundenlang nach Kleidung und ähnlichem Zeug guckt, wird sich hier auf jeden Fall wohl fühlen. Leider ist das ein Themengebiet, für das ich mich so gar nicht interessiere.
Das war es dann auch schon. Musikalisch war die Eröffnung ein Desaster, ansonsten macht das Gebäude aber einen hervorragenden Eindruck. Hier und da wird noch gearbeitet und der große Andrang hat eine gemütliche Erkundung fast unmöglich gemacht. In ein paar Tagen werde ich mich noch einmal dorthin begeben und mich in Ruhe umschauen. In die hinteren Ecken habe ich mich heute noch nicht getraut.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich noch die große Rolltreppe. Sie ist die größte Europas, 50 Meter lang und verbindet die erste mit der vierten Etage. Sie war auch das erste, was ich unbedingt sehen und benutzen wollte. Das tat ich auch und es war großartig.
Oh, ein kleiner Vergleich zu Lüdenscheid fällt mir doch noch ein. Früher haben ein paar Kollegen und ich uns immer „am Gelben“ in Lüdenscheid getroffen. Das war ein Briefkasten, der vor „Sinn Leffers“ (damals noch ohne „Sinn“) stand. Ich weiß gar nicht, ob der da immer noch steht, er diente aber früher als Treffpunkt. In Frankfurt gibt es ab heute ebenfalls einen solchen Ort. Dieser heißt „am Loch“. Und ist etwas auffälliger.
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Dienstag, 14. Juli 2009
Diese 12-teilige Mini-Serie hatte ich für die Internetseite der "Lüdenscheider Nachrichten" verfasst. Dort wurde sie in unregelmäßigen Abständen von mir veröffentlicht. Da die Texte über die Internetseite der "LN" jedoch nur noch schwer zu finden sind und Frankfurter Zeitungen kein Interesse an ihnen hatten, veröffentliche ich sie nun abschließend hier. Jeden Tag wird ein weiterer Text freigeschaltet.
Erst in Frankfurt ist mir klar geworden, dass eine Stadt einen eigenen Klang haben kann. Schon oft habe ich von einem solchen Phänomen gehört, nachvollziehen konnte ich es bisher aber nicht. Dabei muss man nur genau hinhören.
Schreite ich die Zeil entlang, begegne ich der Musik auf Schritt und Tritt. So treffe ich zum Beispiel auf die allseits beliebten Panflöter. Voller Hingabe stehen sie in kleinen Gruppen zu einem Halbkreis aufgereiht herum und blasen in ihre Instrumente. Mit Hilfe von tiefen, hohen, lauten, leisen, langen und kurzen Tönen, die an warnend tutende Dampflokomotiven aus Wildwestfilmen erinnern, erschaffen sie klangliche Meisterwerke, die auch direkt auf CD erworben werden können.
Unterstützt wird das Pangeflöt häufig von immer dem selben stark angetrunkenen Mann, der sich wie in Trance rhythmisch zu den Hohlklängen bewegt, sich freut, als hätte er soeben im Lotto gewonnen und zeigt, dass es sie noch gibt auf der Welt, die wahre Lebensfreude.
Nur schwer kann ich mich losreißen. Doch irgendwann ziehe ich von dannen. Ein paar Schritte weiter. Zu dem Blockflötenspieler, dessen von sich gegebenen Klänge vieles deutlich machen: Er hat nie gelernt, Blockflöte zu spielen. Er hat noch nie jemanden Blockflöte spielen gehört und weiß dadurch nicht, wie es klingen soll. Er ist der Auffassung, wenn man alle drei Sekunden einmal so kurz und so fest wie möglich in eine Blockflöte pustet, würde dies einen Klang erzeugen, der die zuhörenden Ohren seiner Mitmenschen aufs tiefste beglückt. Und zuletzt legt er offensichtlich großen Wert auf Körpersprache, denn nach jedem abgegebenen Pfiff lehnt er sich mit geschlossenen Augen zurück und man kann erkennen, dass zumindest er selbst von der eigenen Musik hingerissen ist. Es ist ein Anblick, der Freude weckt. Wenn man taub ist.
Leider muss ich weiter. Nach Hause. Schnell runter zur U-Bahn. Doch halt, was ist das? Was höre ich da? Ist das etwa das Instrument, das mich während meiner schönsten Träume heimsucht? Tatsächlich! Ein Akkordeon! Und das hier, in den Tiefen des Frankfurter Untergrunds! Der Hall der Tunnelsysteme verstärkt den Klang und der Hall zieht die einzelnen Töne in die Länge, sodass sie sich mit den Nachfolgenden vereinen. Es ist wundervoll. Aber wie gesagt: Ich muss weiter. Leider.
Die U-Bahn ist da. Ich lasse mich in den Sitz fallen. Zunächst kommt der Verdacht auf, einer der Passagiere hätte seinen mp3-Player zu laut aufgedreht. Oder jemand hätte einen interessanten Handyklingeltongeschmack. Doch falsch gedacht. Da sind tatsächlich zwei Saxophonspieler. Sie laufen durch den Gang und musizieren. Laut. Sie lockern den tristen Bahnalltag mit Hilfe ihrer Instrumente auf. Die Bahn sieht plötzlich bunter aus, als vorher. Da legt man ihrem Begleiter doch gerne ein paar Münzen in den hingehaltenen Hut.
Zu Hause angekommen, lasse ich mich auf mein Sofa fallen. Zunächst möchte ich das Radio einschalten, doch dann halte ich ein. Und höre genau hin. Nichts. Man hört nur leise ein paar Autos vorbeifahren. Ansonsten herrscht Ruhe. Ich genieße und schlafe irgendwann ein.
Warum habe ich den Klang Lüdenscheids eigentlich nie bemerkt?
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