Der folgende Text ist mittlerweile um die neun Jahre alt. Geschrieben habe ich ihn, als ich in jungen Jahren ein Buch verfassen wollte. Es sollte das erste Kapitel dieses Werkes werden und zeigen, wie die Hauptperson denkt. Es sollte zeigen, dass sie sich mit allem möglichen Blödsinn beschäftigt, dabei vollkommen wirre Gedankengänge konstruiert und am Ende dann doch alles wieder über Bord wirft.
Rückblickend ist mir das auch sehr gut gelungen. Leider war das Ergebnis für ein richtiges Buch dann doch viel zu verwirrend und schlecht formuliert (wie der Rest des Werkes auch). Es handelt sich hier um die von mir unveränderte, erste Originalversion des Textes. Grammatikalisch ganz klar keine Meisterleistung. Man sollte aber das Alter beachten und sich eher auf den Inhalt konzentrieren. Alleine die Textstelle um die Brötchen finde ich auch aus heutiger Sicht unglaublich gelungen.
Die Hauptgeschichte des Ganzen setze ich übrigens gerade ernsthaft in Buchform um. Es soll mein zweites verfasstes und hoffentlich erstes veröffentlichtes Buch werden. Obwohl die nun folgende Einleitung fehlt, kann man den schnellen und etwas absurden Stil dieser Textstelle trotzdem gut mit dem in einiger Zeit fertiggestellten Buch vergleichen.
Ich bin soeben aufgewacht. Und warum muss ich jetzt gerade an dieses eine Wort denken?
Man muss sich mal folgendes vorstellen: Ich wache oft auf. Man kann sagen, dass ich fast jeden Tag aufwache, also eine Art Hobby. Warum ich aufwache, weiß ich auch nicht. Muss was biologisches sein. Aber das interessiert jetzt nicht. Bestimmt gibt es Wissenschaftler, die sich irgendwo in irgendeinem dreckigen Labor damit befassen und so einen Haufen Kohle verdienen. Warum sollte ich mich also dafür interessieren? Ich wache eben auf.
Es ist also nichts Außergewöhnliches. Das Außergewöhnliche ist auch nicht die Tatsache, WIE ich aufwache. Ich öffne eben meine Augen. So, glaube ich jedenfalls, wachen alle Leute auf.
Jedenfalls wache ich diesen Morgen, wie fast jeden Morgen, auf die gleiche Art und Weise auf, wie ich es fast jeden Morgen tue. Also wahrscheinlich ein ganz normaler Morgen.
Da stellt sich jetzt natürlich die Frage, WAS man unter einem „normalen“ Morgen versteht. Im Vergleich zu WAS ist denn bitte schön ein Morgen normal? Im Vergleich zum Morgen eines x-beliebigen anderen Menschen? Wer sagt denn bitte, dass SEIN Morgen normal ist?
Oder gibt es etwa irgendwo da draußen einen Haufen von Wissenschaftlern, die wieder mal in einem dreckigen Labor dagesessen haben und eine gesetzliche Norm für den „normalen Morgen“ geschrieben haben?
Vielleicht...
Vielleicht ist es aber auch einfach nur eine Masche der heutigen Gesellschaft. Denn heutzutage scheint es jedem innerlich eine leichte Befriedigung zu bereiten, wenn es von Allem und Jedem eine als „normal“ definierte Abwandlung gibt. Einige machen es sich sogar zum Lebensziel, dieses „normal – Ideal“ zu erreichen. Ich jedenfalls verstehe es nicht. Was bitte versteht man denn unter normal? Das Lexikon sagt da drüber:
„Normal [lat.], der Norm entsprechend.“
Da mir das jetzt nicht wirklich weiterhilft, suche ich mir auch noch die Definition von „Norm“ aus dem Lexikon heraus, die wie folgt lautet:
„Norm [lat.] die, 1) Richtmaß, Regel, Vorschrift. 2) Normung. 3) der gekürzte Titel am Fuß der ersten Seite jedes Bogens.“
Natürlich könnte ich jetzt den Begriff „Normung“ nachschlagen.
Das würde aber eine Endlosschleife hervorrufen, da ich bei dieser Erklärung wieder etwas anderes nachschlagen müsste.
Das ist für mich auch das faszinierende Phänomen an einem Lexikon. Ich wollte schon immer mal wissen, ob es eigentlich ein „Ende“ gibt. Der Anfang ist ja das erste Wort, dass im Lexikon steht. Wenn man jetzt bei diesem Wort beginnt...
(kurzer Einschub: in den meisten Lexika ist das erste Wort eigentlich kein Wort sondern ein Buchstabe, nämlich das „a“. Warum das so ist, weiß keiner. Einige sagen ja, dass es logisch ist, da damit das Alphabet beginnt, doch da dieses Buch keinen Sinn für Logik hat, wird diese Aussage einfach mal unkommentiert so stehen gelassen und die Geschichte dieses Buches wird fortgesetzt)
... und sich diese Definition durchliest, kommt in dieser Definition immer ein Verweis auf ein anderes Wort vor. Dieses Wort schlägt man dann ebenfalls in demselben Lexikon nach. In dieser Erklärung findet man wieder einen Verweis auf ein anderes Wort, folgt diesem, und so weiter. Irgendwann müsste man dann ja zu einem Ende kommen. Vielleicht ist rein Zufällig das letzte Wort, auf das verwiesen wird, auch das letzte Wort im gesamten Lexikon. Vielleicht ist es auch eine geheime Methode um irgendwas noch viel Geheimeres rauszufinden. Vielleicht ergibt sich, wenn man bei einem bestimmten Wort anfängt, wieder allen Verweisen folgt, sich die Wörter, auf die verwiesen wird, raus schreibt und dann auch noch mit irgendwas verbindet oder bestimmte Buchstaben daraus nimmt, eine geheime Botschaft. Oder man findet eine Definition vom „Sinn des Lebens“, hinter dem ja eine Horde von Philosophen schon seit Jahren her ist.
Vielleicht ist diese Methode aber auch vollkommen falsch und bedeutet rein gar nichts. Aber es war mal interessant, darüber nachzudenken.
Meiner Meinung nach gibt es aber nichts „Normales“. Denn wer weiß schon, was etwas „Normales“ ist?
Hier ein kleines Beispiel:
(Bitte nicht wundern. Die Hauptperson dieses Buches denkt in ihren Gedanken immer so, als wäre sie gerade dabei, die Gedanken jemandem so zu erzählen, wie die Hauptperson sie gerade denkt. Dass dadurch eventuell plötzliche Änderungen an den gerade gesagten Gedanken gemacht werden könnten, versteht sich ja von selbst. Mehr zu den Gedanken der Hauptperson erfahren sie in den nächsten Kapiteln.)
Nehmen wir ein Brötchen.
Nehmen wir jetzt noch an, ich hätte das Brötchen gerade erst gekauft.
Jetzt kommt noch hinzu, dass ich nicht nur ein Brötchen, sondern vier Brötchen gekauft habe. Zwei für mich selbst, zwei weitere für meine Frau.
Meine Frau sieht folgendermaßen aus: Lange, braune Haare, braune Augen und sie trägt ein rotes Kleid.
Warum ich das jetzt so festlege? Ganz einfach: Wenn ich eine x-beliebige Frau nennen würde, würde sich die Hälfte der Leute, die das hier hören, nicht mehr auf das Beispiel konzentrieren sondern sich im Kopf ausmalen, wie die Frau wohl aussehen würde. Um aber das Interesse auf diesem Beispiel haften zu lassen, habe ich das Aussehen einfach mal festgelegt.
Gerade ist mir aufgefallen, dass es gar nicht wichtig ist, dass ich eine Frau habe. Es ist sogar eher störend, da ich dann mit zwei Personen gleichzeitig klarkommen müsste. Also entferne ich die Frau aus meiner „Definition der Normalität“.
Außerdem bin ich momentan gar nicht verheiratet.
Da plötzlich mein Brötchenkonsum drastisch gesunken ist (ich habe ja gar keine Frau zu ernähren), gehe ich zurück zum Bäcker um die beiden überflüssigen Brötchen (die meine Frau ja jetzt nicht mehr essen kann, da sie nur noch imaginär ist und dadurch das Essen von Brötchen diverse kleine Problemchen mit sich bringen würde, die ich hier jetzt nicht erklären kann, da ich Physik nie wirklich verstanden habe und auch kein Interesse daran habe, es jemals zu verstehen) zurückzugeben.
Nehmen wir jetzt mal einfach an, dass das ohne Probleme verläuft und die Bäckerin (blonde, kurze Haare, blaue Augen, weißer Bäckerkittel) keinen Stress macht.
Soeben habe ich den Faden verloren und werde versuchen, das Beispiel doch noch zu einem guten Ende zu bringen.
Wir nehmen jetzt nämlich einfach mal an, die Bäckerin würde DOCH Stress machen.
Der Dialog könnte dann wie folgt aussehen:
„Moin.“, sage ich, während ich den Laden betrete.
„Einen wunderschönen guten Morgen der Herr!“, antwortet sie mit einem Lächeln im Gesicht.
„Was soll denn bitte daran schön sein?“
„Weiß ich auch nicht, aber es ist Vorschrift, die Kunden so zu begrüßen.“
„Egal. Ich habe ja gerade bei ihnen 4 Brötchen gekauft.“
„Ja.“
„Und ich habe ein Problem.“
„Welches denn?“
„Ich habe zwei zu viel gekauft.“
„Warum zwei zu viel?“
„Weil meine Frau gar nicht existiert.“
„Was?“
„Meine Frau existiert gar nicht.“
„Was?“
„Verstehen sie nicht, was ich meine?“
„Nein.“
„Meine Frau existiert nicht!“
„Aha.“
„Haben sie es jetzt verstanden?“
„Nein.“
„Aha.“
„Ja.“
„Ich glaube, so wird das nie was.“
„Was?“
„Na, unser Gespräch.“
„Aha.“
„Ich erklär es ihnen noch einmal.“
„Schön.“
„Klappe und zuhören!“
„OK.“
„Ich bin gerade zu der Erkenntnis gekommen, dass meine Frau nicht existiert. Sie war nur eine imaginäre Projektion meines Geistes. Ich wollte ein Beispiel zur Definition des Wortes „normal“ bringen und hatte deswegen vor, meine Frau zu erwähnen. Deswegen habe ich auch vier Brötchen gekauft. Zwei für mich und zwei für sie.“
„Für mich?“
„Nein, für meine Frau.“
„Ich dachte, die gibt es nicht.“
„Es gibt sie ja auch nicht.“
„Und warum kaufen sie dann Brötchen für sie?“
„Ähm.“
„Ja?“
„Ist doch jetzt egal.“
„Nein, ist es nicht. Ich begreife ihre Logik nicht.“
„Das tut keiner.“
„Ich verstehe.“
„Wirklich?“
„Nein.“
„OK. Ich erzähle mal weiter. Zwei für mich und zwei für meine Frau.“
„Die es ja bekanntlich gar nicht gibt.“
„Ja ja, schon gut. Jedenfalls ist mir eingefallen, dass dies irgendwie ein mieses Beispiel ist und ich habe gesagt, dass ich gar keine Frau habe.“
„Das haben sie gesagt?“
„Ja.“
„Hat es geholfen?“
„Na ja. Sie ist weg.“
„Also hat es geholfen?“
„Ich weiß nicht. Sie war ja schließlich nie da.“
„Scheint ein ernsthaftes Problem zu sein.“
„Eigentlich nicht.“
„Ach so.“
„Ja.“
„...“
„...“
„Was wollen sie eigentlich?“
„Was?“
„Sie wollen doch irgendwas. Sonst wären sie ja wohl nicht hier.“
„Ja, stimmt.“
„Und?“
„Und was?“
„Und sagen sie mir, was sie wollen?“
„Ach so. Natürlich. Ich will zwei Brötchen zurückgeben.“
„Das geht nicht.“
„Warum?“
„Weil wir das nicht machen.“
„Warum?“
„Weil das nicht normal ist.“
So. Da haben wir das, worauf ich hinaus wollte. Es ist nicht „normal“. Weiter verlief das Gespräch folgendermaßen:
„Nicht normal?“
„Nein.“
„Warum nicht normal?“
„Weil das keiner macht!“
„Was?“
„Na ja. Brötchen zurückgeben.“
„Für sie ist es also normal, wenn es alle machen?“
„Ja.“
„Wenn also alle Leute in ihrer Freizeit an Brennstäben lecken würden, wäre das normal für sie?“
„Ja.“
„Und wenn plötzlich jeder anfangen würde, rückwärts zu laufen, wäre das dann auch normal für sie?“
„Ja.“
„Und wenn alle Leute ankommen würden und ihre Brötchen zurückgeben würden?“
„Dann wäre das normal und ich würde es tun.“
„Angenommen ich würde jetzt also die Weltherrschaft an mich reißen und allen Leuten der Erde sagen, sie sollten ihre Brötchen zurückgeben, würden sie das dann tun?“
„Ja.“
„Also ist ihre Definition des Wörtchens „normal“: Was alle tun.“
„Ja. Oder: Sich der Norm anpassen.“
„Diese Erkenntnis hatte ich schon vor dem Gespräch mit ihnen.“
„Warum reden sie dann mit mir?“
„Weiß nicht. Vielleicht weil ich keine Frau habe.“
„Könnte daran liegen.“
„Wollen sie mich heiraten?“
„Ja.“
Ich fasse also zusammen, was ich nach diesem Gespräch gelernt haben könnte, wenn es denn tatsächlich passiert wäre: Normal ist das, was alle machen. Oder: Normal bedeutet, sich der Norm anzupassen.
Da mich das hier jetzt alles aber nicht wirklich weitergebracht hat, unterbreche ich einfach mal diese Definition von normal und gehe weiter zum eigentlichen Thema.
Es ging ja, wie mir hoffentlich noch bekannt ist, darum, dass ich aufgewacht bin. Also werde ich da jetzt auch weitermachen.
Ich wachte also auf. Das komische daran, dass ich aufwachte, ist das, woran ich dachte, als ich gerade aufgewacht bin. Ich dachte nur an ein einziges Wort. Dieses Wort war
„Scheiße“.
Ich dachte nur an dieses eine Wort. Nicht etwa
„Das war eine scheiß Nacht.“
oder
„Scheiße, bin ich Müde.“.
Nein. Einfach nur
„Scheiße“.
Ich dachte es sogar ohne Satzzeichen. Grammatikalisch also völlig falsch. Aber wer denkt schon in klar formulierten Sätzen? Ich nicht. Vielleicht ist das ja nicht normal. Aber ich will nicht schon wieder damit anfangen. Ich dachte jedenfalls nur an dieses eine Wort. Und das kam mir seltsam vor. Ich fragte mich, warum ich das dachte.
Hatte ich etwa wieder diesen Traum von dem Scheißhaufen, der mich mit Backsteinen bewirft und dabei die französische Nationalhymne singt?
Oder war es der Andere Traum? Mit dem Backstein der Scheißhaufen wirft und dabei die französische Nationalhymne singt?
Oder war es der Traum mit dem Scheißhaufen und dem Backstein die zusammen die französische Nationalhymne singen?
Ich hatte viele solcher Träume. Mein Psychiater sagte, er wolle mir helfen. Doch nach zwei Sitzungen hatte er es schon wieder aufgegeben. Ich sei nicht normal hat er gesagt. Schon wieder dieses Wort. Es scheint einen durch das ganze Leben zu begleiten. Aber ich habe aufgegeben, etwas dagegen zu unternehmen. Ich werde das Wort einfach annehmen und akzeptieren.
Jedenfalls wachte ich heute mit diesem einen Gedanken auf.
(Es vergeht ungefähr eine Stunde mit gedankenreichem Denken, was hier jetzt aber vollkommen unwichtig ist und deswegen weggelassen wird. Es folgen nur noch die Abschlussgedanken der Hauptperson.)
Ich komme zu dem Entschluss, dass ich nie begreifen werde, warum ich das gedacht habe und ich werde mich schon damit abfinden, es auch nie zu begreifen. Es ist immer noch besser, mit dem Gedanken „Scheiße“ aufzuwachen als mit dem Gedanken „Rektalpilze“. Ich werde meinen Tag jetzt wohl einfach so beginnen, wie ich ihn immer beginne.